Maulkorb für Löwenfans

präsentiert von stadionwelt.de

In einem Münchner Stadtbuch ist über einen Biergarten des Großgastronomen und Löwen-Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser zu lesen: „Hier ist das Reich des Königs der Löwen, Karl-Heinz Wildmoser. Und wahrlich man fühlt sich wie in einem Königreich. Denn die widerliche Untertanenordnung beim Personal erinnert an königliche Zeiten.” Eine ähnliche Hierarchie herrscht anscheinend auch bei den Münchner Löwen. König Wildmoser und Hofmarschall Werner Lorant geben dort gegenüber dem Personal und sogar den Fans barsch den Takt vor. Ausgerechnet zur Vorweihnachtszeit versetzte der volksnahe Herrscher jedoch seine Untertanen in Angst und Schrecken: er drohte mit dem Schlimmsten – seinem Rücktritt. Dem Löwenkönig wurde durch allzu harsche Kritik aus dem Volk „sämtliche Lebensfreude” geraubt, obwohl er sich doch für den Verein „aufopfert”. Ein besonderer Dorn im Auge scheinen dem Präsidenten die zahlreichen Missfallenskundgebungen auf der offiziellen Website des Vereins www.tsv1860.de zu sein. Auch wenn Wildmoser das Internet nur vom Hörensagen kennt, laut Löwen-Pressesprecherin Claudia Leupold weiß er, was dort über ihn und den Verein gesprochen wird.
Die beste Möglichkeit auf der Website miteinander zu kommunizieren bietet ein Gästebuch. Doch eine rege Kommunikation findet dort nicht mehr statt: ein Zensor namens Hans ist offenbar rund um die Uhr damit beschäftigt, möglichst alle kritischen Stimmen zu löschen. Und zu kritisieren gab und gibt es von Seiten der Fans Einiges. Egal, ob es die mangelnden Leistungen der Akteure auf dem grünen Rasen sind oder der Unwillen des Präsidenten, sich konstruktiv mit dem Ausbau der angestammten Löwenheimat Grünwalder Stadion auseinander zu setzen. Das wehleidige Rumgetue Wildmosers um seinen vermeintlichen Rücktritt sorgte dann auch nicht unbedingt für positive Stimmung unter den Gästebuchschreibern. Zumal Wildmoser seine Demissionsdrohung nach Wochen der Ungewissheit als bloßen „Klamauk” konterkarierte. Fans, die noch weniger auf Klamauk stehen und sich im Gästebuch moderat über rassistische Rufe bei Löwen-Heimspielen beschwerten, wurden hingegen vom „Master of Censorship” flugs rausgekickt. Pressesprecherin Leupold hält die ständige Zensur von Beiträgen indes nicht für dramatisch: „Da steht genug Kritisches drinnen und Beschimpfungen müssen raus.” Auch dass Zensor Hans über mehrere Tage die Denunziation einiger vereinskritischer Fans, etwa die Veröffentlichung der kompletten Wohnanschrift, im Gästebuch duldete, ist für Leupold eine Marginalie: „Das sind eben Streitereien unter Fans.”
Ganz eigene Wege beschreiten die Löwen auch im Nachrichtenbereich ihrer Website. Dass die Neuigkeiten ab und an mal mit mehrtägiger Verspätung eintrudeln, ist unerfreulich. Viel ärgerlicher ist es jedoch, dass nur Meldungen gebracht werden, die den Maximen der Hofberichterstattung Wildermoserscher Prägung gerecht werden. So wird die gegenüber dem Verein besonders hartnäckige „Süddeutsche Zeitung” im Pressespiegel beharrlich ignoriert. Die wohlgesonnen Schreiberlinge der Münchner Boulevardpresse dürfen hingegen ausführlich und entsprechend gehaltvoll zur Meinungsbildung der Anhänger beitragen. Vor allem auswärtigen Fans bleiben somit interessante Interna rund um den Verein erspart. Leupold meint dazu: „Wir veröffentlichen auf unserer Seite nur das, was unserer Meinung nach den Tatsachen entspricht.” Schelmische Internet-Nutzer, die Texte aus der „Süddeutschen“” ins Gästebuch kopierten, kamen immer wieder mit besagtem Hans ins Gehege, der ganz schnell die Finger auf der Löschtaste hatte. Das alberne Possenspiel der Vereinsleitung im Netz erinnert an eine Szene beim letzten Heimspiel der Amateure: Dort protestierten rund fünfzig Fans lautstark eine Halbzeit lang gegen Wildmosers Politik, für einen Ausbau des Grünwalder Stadions und für die „Süddeutsche Zeitung”. Wildmoser-getreue Fans auf der Tribüne hielten sich daraufhin empört die Ohren zu. Im offiziellen Gästebuch durften sie hingegen ihre Empörung ausführlich kund tun und hetzten über die angeblich „asozialen” Vereinskritiker und „Bombenleger” her. Gegenmeinungen wurden rigoros unterdrückt. Auch Informationen über den von Ex-Löwenspieler Manni Schwabl mit großem Engagement geplanten Ausbau des Grünwalder Stadions zu einer „Löwenarena” sind auf der offiziellen Website des Vereins ein absolutes Tabuthema. Ground-Nostalgikern empfiehlt sich ein Blick auf die Website der „Freunde des Sechz’ger Stadions e. V.” unter der URL www.geocities.com/Athens/Aegean/6497 und auf eine Überblicksseite mit allen Links zum Grünwalder Stadion unter www.gruenwalderstadion.de. Visionäre finden unter www.loewenfans.de ausführliche Informationen zur „Löwenarena”.
Dass die Fanseiten das Informationsbedürfnis der Internet-Gemeinde spürbar besser befriedigen, weckte kurz vor Weihnachten wiederum den Argwohn der Vereinsleitung. Löwen-Geschäftsführer Detlef Romeiko forderte die Betreiber einiger privater Löwen-Pages auf, das Vereinslogo umgehend aus ihren Angeboten zu entfernen. Anderenfalls werde der Verein rechtliche Schritte einleiten. Der Brief ist unter der Adresse www.loewensupporters.de/presse/zensur.htm nachzulesen. Als offiziellen Grund für das Zensurbegehren gibt Romeiko den Verkauf der Internet-Rechte des TSV 1860 bis 30. Juni 2001 an den Hamburger Vermarkter UFA an: „Wenn die davon Wind bekommen, bekommt der Verein Probleme.” So oder so hat der Verein damit im Internet wieder mal ein Eigentor zu Lasten seiner Anhänger geschossen. Für den Webmaster des Angebots www.loewensupporters.de, Markus Kellermann, hatte die Abmahnung noch ein weiteres Nachspiel. Aus Wut über dieses vorweihnachtliche Geschenk des Vereins ging er an die Presse. In einem Gespräch mit der Münchner „Abendzeitung” soll er angeblich geäußert haben, dass er in Zukunft die Dorfkicker aus Unterhaching bevorzuge. Das war natürlich für alle Löwenfans das größtmögliche Sakrileg. Kellermann musste sich in den folgenden Tagen allerhand Beschimpfungen und Beleidigungen aus Löwenkreisen anhören. Mittlerweile hat er per Anwalt eine Gegendarstellung bei der „Abendzeitung” eingereicht. Das Wirrwarr im Internet spiegelt auf realistische Weise die Stimmung unter den Fans wider. „Polarisierungen und Missverständnisse sind unter den Fans an der Tagesordnung und dazu hat das Internet sicherlich auch beigetragen”, erklärt Lothar Langer vom Fanprojekt München. „Viele aktive und kreative Leute haben resigniert und haben absolut keine Lust mehr auf den Verein.”  Derweil das offizielle Gästebuch des Vereins allmählich auf Grund der unsinnigen Zensurpraktiken verwaist, freuen sich die Betreiber des von Fans initiierten Angebots www.loewenfans.de über stetig wachsende Besucherzahlen. Dort wird in einem Forum mit Registrierung rege und vor allem offen über Fußball und Fankultur gesprochen. Zu einem Treffen „Zensurgeschädigter” kamen Mitte Januar immerhin 50 Löwenanhänger zusammen, um konstruktiv über aktuelle Fragen der Fanarbeit zu diskutieren.

von Peter Jakobi

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